Ezero von everve – ohne Sitzpolster auf die Langstrecke?

Der Sattel ezero von everve auf dem Gravelbike im Test
Der Sattel ezero von everve auf dem Gravelbike Grizl im Test

Es scheint das ewige Dauerthema auf dem Rennrad, Gravelbike oder Citybike zu sein: Sitzpolster! Dick, dünn, mit Gel, ohne Gel, teure Hose, günstige Hose und welcher Sattel passt eigentlich? Zeit, dass wir uns die Thematik mal näher anschauen, denn am Sitzkomfort sollte nun wirklich kein Radabenteuer scheitern!

Auch wenn das Thema „Sitzen“ schon in dem einen oder anderen Beitrag am Rande vorkam, ist es Zeit, mal genauer zu gucken, worauf es beim Sitzen auf Rennrad, Gravelbike und Crosser eigentlich genauer ankommt. Ziel ist, dass „Sitzen“ nicht zum Showstopper wird und die Kilometer auf dem Rad genussvoll und bequem sind.

Worauf kommt es bei Sitzpolster und Sattel an?

Die Frage nach dem „richtigen“ Sattel begegnet mir sehr häufig. „Was ich empfehlen könnte“, ist meistens eine der folgenden Fragen. „Kommt drauf an.“ ist dann meine häufigste Antwort, denn ganz so einfach mit DEM einen Sattel für alle ist es dann doch irgendwie nicht. Der Sattel und die Hose mit ihrem Sitzpolster sind einer von drei Kontaktpunkten zwischen Rad und Mensch, neben Füßen (meine Dauerbaustelle… wo ist da der Komfort?) und Händen. Bei den Händen lässt sich der Druck gut verteilen, denn durch den Rennradlenker stehen bekanntlich verschiedene Griffpositionen zur Verfügung. Ein regelmäßiger Wechsel schafft Entlastung.

Zum Kontaktpunkt Füße bräuchte es hier eigentlich auch noch einen Blogbeitrag, aber ich habe für meine einschlafenden Füße noch keine Lösung gefunden… Wer was weiß –> schreibt mir eine Email!

Um den dritten Kontaktpunkt, nämlich der Sitzbereich, geht es in diesem Beitrag. Im Folgenden gibt es Infos zum Sitzpolster, Sitzbereich, Sätteln und Hosen.

Der Sattel ezero von everve auf dem Gravelbike im Test
Der Sattel ezero von everve auf dem Gravelbike Grizl im Test

Grundvorraussetzung um die drei Kontaktpunkte gut miteinander in Verbindung zu bringen, ist jedoch ein passendes Rad und im besten Fall ein Bikefitting. Wer schon lange auf dem Rad sitzt, wird die eigene Sitzposition kennen, in der Komfort und Druck auf dem Pedal im Gleichgewicht sind. Der Blick eines/r erfahrenen Bikefitter/in ist jedoch oft hilfreich, wenn es Probleme gibt wie taube Hände, Nackenschmerzen oder schlafende Füße. Aus meiner Erfahrung heraus sind häufig Räder zu lang, Sitzpositionen zu gestreckt oder der Sattel zu hoch.

Erst wenn diese Punkte stimmen, macht es Sinn genauer auf Details zu schauen wie beispielsweise den Sitzbereich oder auf Varianten beim Sitzpolster. Und das folgt nun:

Welche Rolle spielt dabei der Sattel und das Sitzpolster?

Ohne Sattel wird es auf dem Rennrad, Gravelbike, Crosser und auf jeden anderen Rad recht schnell unbequem. Der passende Sattel ist also entscheidend für den Komfort auf dem Rad. Nicht nur, dass es ohne Sattel schnell sehr unbequem wird, sichert doch der Sattel den Kontkt zum Rad, stellt Stabilität her und sorgt im Idealfall für eine gute Kraftübertragung.

Hauptziel des Sattels ist demnach eine gute Kraftübertragung zu ermöglichen, Stabilität zu geben und für Komfort zu sorgen. Kein Sattel sollte Schmerzen, Taubheit oder ein schlechtes Sitzgefühl verursachen. Auch nicht, wenn Rennradfahren „hart sein muss“, „es eben unbequem ist“ oder die „Taubheit schon wieder vergeht“. Das alles muss nicht sein und ist kein Zustand, der akzeptiert werden sollte.

Nun gibt es bekanntlich Sattelarten wie Sand am Meer und jeder verspricht Komfort und die Lösung aller Probleme.

Auf beim Langstreckentest ist der S3 Sattel ezero von everve top
Auf beim Langstreckentest ist der S3 Sattel ezero von everve top

Aber worauf kommt es wirklich an?

1. Die Sattelbreite!

Ist der Sattel zu schmal, gibt es zu wenig Auflagefläche für die Sitzknochen um den Druck auf den Sattel zu übertragen. Der eigene Sitzkochenabstand kann mit einer Pappe gemessen werden. Drauf setzten, Sitzknochen reindrücken, nachmessen. Wesentlich schmaler als der gemessene Wert sollte der Sattel nicht sein. Der Abstand ändert sich etwas je nach der Sitzposition, eine sportlichere Haltung (also Sattel im Verhältnis zu Lenker höher) erlaubt einen schmaleren Sattel, da die Sitzknochen mit zunehmender Beckenneigung näher beieinander liegen (bzw. deren Auflagefläche).

2. Der „Flex“ des Sattels

Der Sattel überträgt viel Kraft auf das Rad und da das Rad starr ist und der Körper darauf beweglich, entsteht fast zwangsläufig irgendwo Reibung. Die sollte minimiert werden. Sowohl zwischen Haut und Hose (mehr dazu später im Abschnitt „Hose) als auch zwischen Hose und Sattel. Sattelunterschalen, die entweder in sich oder über flexible Sattelgestelle einen gewissen Flex bieten, nehmen die Bewegung des Beckens auf und minimiert so die Reibung zwischen Sattel und Hose.
Darüber hinaus gibt es Sättel wie den Active von SQLab, den ich lange gefahren habe, die ein Gummistück in der Sattelaufnahme eingebaut haben und so in sich beweglich sind um der Bewegung des Beckens besser zu folgen. Andere Hersteller, wie der später näher vorgestellte ezero von everve setzen eher auf ein gutes Zusammenspiel von Sattelpolsterung und Sattelgestell um dem Bedarf an Flex zu entsprechen. Das System ermöglich wesentlich mehr Flex in alle Richtungen, da das System in sich als Ganzem flexibler ist.

3. Die Polsterung/Satteloberfläche

Das Design der Oberflächen von Sätteln scheint unendlich viele Optionen zu bieten. Manche haben eine Aussparung in der Mitte, manche ein Loch, andere weicheres Gummi oder Schaumstoff in der Mitte oder manche haben eine dreidimensionale Oberfläche. Aus meiner Sicht sind hier zwei Dinge wichtig. Zum einen sollte sichergestellt sein, dass die Blutgefäße im Schrittbereich nicht abgeklemmt werden. Das kann über einen Kanal in der Mitte sein, eine Aussparung oder erhöhte Auflageflächen für die Sitzknochen.
Ziemlich simpel: Wenn ein Bereich taub wird, ist was abgeklemmt, das ist nicht so gut ;-). Zum anderen sollte für Menschen mit Vulvalippen genügend Platz für diese sein. Dass nicht alle Vulvalippen gleich groß, klein, dick oder dünn sind, ist hoffentlich mittlerweile in den Köpfen angekommen. Ebensowenig sehen Vulven aus wie das perfekt geförmte Schnittbrötchen vom Bäcker. Auf der Sitzfläche muss demnach Platz für Vulvalippen, Weichteile und alles Flexible im Schrittbereich sein. Das gilt natürlich auch für alle Menschen, die keine Vulvalippen haben. Auch hier sollte kein Blutgefäß abgeklemmt sein oder Taubheit entstehen.

Niemand möchte auf seinen Lippen sitzen.

Welchen Einfluss hat die Hose? Mehr Sitzpolster = bequemer?

Gleiches Spiel bei den Hosen, die Auswahl scheint grenzenlos zu sein. Formen, Polsterdicke, Positionierung des Sitzpolster in der Hose, es gibt zahlreiche Möglichkeiten… Meine Erfahrung ist, dass sich jedes dickere Polster nach 5 – 25 Minuten zusammendrückt. Dann sitzt frau auf einem relativ dünnen Polster, dass aber mal viel Material war. Kein „weiches“ Sitzpolster bleibt mit 50-100kg Sitzgewicht dauerhaft weich. Es drückt sich zusammen, im Besten fall gleichmäßig, im schlechtesten Fall mit Falten. Hört sich nach einer mittelguten Lösung an. Ist es auch. Erste Hersteller haben vor ein paar Jahren dem Trend „Bigger is better“ beim Polster ein Ende gesetzt und ihrer Meinung nach ein „vorkomprimiertes“ Polster in die Hosen genäht. Das ist dann vor der Fahrt schon so zusammengedrückt wie es nach 25 Minuten ohnehin zusammengedrückt wäre.

Gute Idee, entfällt dafür doch immerhin off-bike das Gefühl die Hose wäre eine überdimensionale Windel. Positiver Nebeneffekt, der Wärmestau durch das Sitzpolster wird weniger, weniger Schweiß sammelt sich im Polster und die Belüftung der Haut ist besser. Nachteil: Das Polster muss in der Hose genau da eingenäht sein, wo es hingehört. Klappt nicht immer. Popos sind ja unterschiedlich.

Die Hose von everve für ezero im Test
Die Hose everve für ezero im Test bei LoveBikeLena mit Knielingen

Wenn das Sitzpolster doch aber nur die Aufgabe hat, Reibung zwischen Haut und Sattel zu minimieren, warum dann überhaupt eins? Ja, keine Ahnung? Haben sich die Entwickler vom ezero System bei everve auch gedacht und das Polster gleich quasi ganz raus gelassen.

WAS?! Langstreckenhose ohne Polster?

Jap, die Hose hat nur noch ein minimalster Polster, eher wie 2 Lagen Stoff, sonst zeichnet sich ja wirklich alles ab 😉 und das wars. Mehr Belüftung, weniger Reibung, weniger Stoff mit Falten und Nähten. Mehr gutes Sitzen! Details dazu folgen unten bei meinen Erfahrungen mit der ezero Hose und dem ezero Sattel von everve.

Die Hose von everve für ezero im Test
Die Hose everve für ezero im Test bei LoveBikeLena mit Knielingen

Sitzcreme – muss das sein?

Ja, auch hier, unterschiedliche Meinungen. Zu viel Reibung reibt die Haut auf, zu wenig gibt keinen Halt auf dem Rad. Für mich funktioniert etwas Sitzcreme gut, präventiv vor langen Fahrten (über 100km). Grundsätzlich sollte das Setup Sattel-Hose aber keine Sitzcreme erfordern. Sitzcreme ist kein Wundermittel, sie hilft punktuelle Reibung zu minimieren und die Haut zu schützen, einen nicht passenden Sattel gleicht sie nicht aus.

Dass die Sitzcreme für Anwendung auf Schleimhaut geeignet sein sollte, ist für mich selbstversätndlich. Viele Produkte sind das jedoch nicht. Ich komme mit dem Linola Schutzbalsam oder der Protect von ilon sehr gut klar. Mit der App „Code-Check“ lassen sich viele Produkte auf enthaltene Schadstoffe prüfen, finde ich sehr praktisch für Cremes, die direkt auf Haut oder Schleimhaut kommen.

Also auch bei der Sitzcreme: „Kommt drauf an.“ Für mich ist Sitzcreme eine gute Hilfe die Haut vor zu viel Schweiß und Salzen zu schützen, aber nur wenn das grundsätzliche Setup passt.

Das ezero-System von everve

Der Name verrät es bereits, Zero ist im Namen enthalten und steht für „Null“. ezero ist ein System aus Sattel und Hose und setzt auf „weniger ist mehr“. Sattel und Hose zusammen? Gabs noch nicht? Ja, warum eigentlich nicht? Kam wohl bisher keiner drauf?

Nun ist es ja da, das ezero-System. Sattel und Hose passen zueinander, setzen auf weniger Polster in der Hose, nämlich eher gar keins, denn das minimiert die Reibung. Dafür passt der Sattel dann perfekt zur Hose und enthält quasi das Polster. Das minimiert die Reibung weiter. Auf diversen Hosen habe ich bereits gesessen, manche hatten mehr Polster, manche weniger. Häufig wurde jedoch weniger das Polster nach einiger Zeit zum Problem als, dass die Nähte irgendwann scheuerten. Aufgeriebene Haut entsteht meist nur durch Reibung. Was liegt als näher, als die Nähte weg zu lassen. Und genau das versucht everve! Weniger Nähte, insbesondere im Sitzbereich und schon ist der Komfort da.

Meine Erfahrung mit ezero von everve

Seit Langem, und auch bei Paris-Brest-Paris, bin ich mit dem Ergowave Sattel von SQLab unterwegs gewesen und dachte, dass das der Komfort-Gipfel wäre. Die hohen Auflagepunkte des Sattels passen gut zu meinen Sitzknochen, ich sitze nicht auf Weichteilen und kann lange drauf sitzen. Aber vielleicht geht da noch mehr? Das windelartige Gefühl der gut gepolsterten „Profihosen“ fand ich stets etwas merkwürdig. Im Winter noch recht angenehm wärmend, wurden die Polster jedoch bei sommerlichen Temperaturen zur Wärmeplatte. Warm, Schweiß und Druck. Meine Haut ist nicht begeistert.

Der S3 ezero Sattel von everve im Test
Der S3 ezero Sattel von everve im Test bei LoveBikeLena

Und dann läuft mir die eZero Hose von everve über den Weg. Ich bin begeistert! Keine Windel – das muss ich ausprobieren! Es entwickelt sich ein toller Austausch mit den „Entwicklern“ von everve und in meinem Postkasten landet ein Sattel und eine Hose von everve. Der Sattel ist nun seit einigen hundert Kilometern auf meinen Gravelbike, dem GRIZL von Canyon und in der Hose habe ich ebensoviele Kilometer gefahren. Kurzum: Das System ist top!

Anfänglich war ich leicht irritiert, die Hose fühlte sich etwas „nackt“ an. Immerhin wiegt sie auch nur knapp 100 Gramm! Und sie sieht viel zu klein aus, wenn sie so vor einem liegt. Angezogen ist das Gefühl supergut! Der dünne Stoff ist mehr als blickdicht aber sehr luftig, kurz vom Sattel aufgestanden, trocknet der Sitzbereich sofort. Ein völlig neues Fahrgefühl, das einen Moment Gewöhnung braucht. Derzeit fahre ich das Herrenmodell, denn das hat Träger, das Damenmodell aktuell nicht. Der Schnitt bzw. das „Nicht-Polster“ ist bei beiden jedoch gleich. Die Damenhose hat lediglich ein kürzeres Bein, aber in Länger finde ich die Hose sogar schicker.

Der S3 ezero Sattel von everve im Test
Der S3 ezero Sattel von everve im Test CarbonRails für mehr Komfort

Kein Wunder, sind wir nicht fast alle seit Jahren auf dicke Polster konditioniert?

Da darf es ruhig einen Moment dauern, sich an das neue luftige Gefühl zu gewöhnen. Dann ist es jedoch wie eine Erleuchtung. Die Passung aus Hose und eZero Sattel ist top. Das Polster des Sattels und die Carbon-Rails (ich fahre den S3) bieten geügend Komfort und ein straffes Gefühl zugleich. Ich möchte nicht mehr zurück… Polster ade….

Trotzdem sitze ich gelegentlich mit einer anderen Hose auf dem eZero Sattel (wenn die Hose in der Wäsche ist…, die übrigens in gefühlten 5 Minuten trocknet!) und stelle fest: Das Polster stört. Zu dick, wirft Falten, ist zu warm. Geht irgendwie, aber so gut wie mit der ezero Hose ist´s auf keinen Fall.

Die Hose hat wenige Nähte, wird in Schwaben genäht und sieht richtig gut aus. Kein Schnickschnack wie man hier sagt dran, fertig. Es gibt 2 Höhen, ich fahre die höher geschlossene Herrenhose in M und die sitzt super.

Top Verarbeitung beim Der S3 ezero Sattel von everve im Test
Top Verarbeitung beim Der S3 ezero Sattel von everve im Test

Für wen ist die Hose?

Im Grunde: Gegenfrage: Für wen nicht?! Wer ganz neu im Radsport und auf sportlichen Rädern ist, dem mag die Vorstellung „Kein Polster“ vielleicht etwas zu radikal vorkommen, aber ich bin mir sicher, dass frau auch dann damit gut zurecht kommt. Immerhin gewöhnt frau sich ja nicht erst an dieses „Windelgefühl“. Und für alle, die schon seit längerem auf dem Rad sitzen: Probiert es aus!

Hier findet ihr den Shop von everve, das ezero-System kann 30 tage getestet werden. Meiner Meinung nach unnötig, denn ich möchte weder HOse noch Sattel wieder hergeben!

Disclaimer – Warum wird hier das ezero-System von everve vorgestellt?

Ich erwähnte es ja schon im Text, ich hab das System gesehen und gedacht: Das muss ich ausprobieren. Und so kam der Kontakt zustande. Ich habe everve angeschrieben und los ging´s. Dieser Beitrag ist meine eigene Meinung dazu, everve hat mir keine „Richtung“ für den Beitrag hier gesagt. Ganz im Gegenteil. „Fahr die mal, der Rest ergibt sich.“ Und genau so ist es, das System spricht für sich. Und zwar richtig gut. Hier gibt´s keinen Promo-Code, Rabatt, Super Sonder-Angebots-Trallala, sondern meine Meinung.

Viel Spaß auf dem Rad!

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