Hail no! 400er Brevet in Hamburg

Pauseneinteilung ist essentiell für dem Brevet
Kurze Pause auf dem Kantstein mit nem Gel

Das waren: 423km – in Worten – VIERHUNDERTDREIUNDZWANZIG Kilometer. Das ist die Strecke von Hamburg nach Köln. Oder von Hamburg nach Stettin. Mit dem Auto. Ziemlich weit… Zeit für den nächsten Brevet.

Der dritte von vier zu absolvierenden Brevets ist absolviert und manche sagt, dass 400km die schlimmste Distanz wäre. Die Zeit reicht nicht für eine Schlafpause, es sei denn frau ist richtig schnell, also heißt es durchfahren um in den maximalen 27h zu bleiben. Aber zurück zum Anfang.

Zum Start schon mit dem Rad – wenn dann richtig.

Pünktlich um 4:00 treffe ich mich mit Simon, wir rollen durch das schlafende Hamburg nach St. Pauli. In der Jugendherberge auf dem Stintfang holen wir unsere Karten ab und warten bis es los geht. Das Rad hat ein neues Cockpit, genügend Taschen für Essen unterwegs und Technik sowie mehr Essen…

Zack. 5:00, es geht los. Die große Gruppe rollt aus Hamburg raus und pünktlich an den Elbbrücken verdunkelt sich der dunkle Morgengrauenhimmel noch mehr. Zack. Hagel. Schön. Also nicht. Immerhin prallt der Hagel ab, ich werde nicht so nass und die Wolke ist nicht so groß, dass wir beschließen Regenklamotten anzuziehen. Wir rollen in einer größeren Gruppe, eher vorne, mal hinten bis hinter Laßrönne an der Elbe. Dort genießen wir kurz die Sonne und sind dann zu zweit unterwegs. Langsam geht die Strecke gen Süden Richtung Uelzen.  Ziemlich weit bis hinter Uelzen, denn die erste Kontrolle kommt spät.

Ideale Ausstattung für den 400km Brevet
Das Ruby ist gut für den Brevet ausgestattet

140km bis zur ersten Kontrolle

Das ist länger als die sonntägliche Runde am Deich und deutlich mehr als zwei Hausrunden. Erst hinter Uelzen erreichen wir die erste Kontrolle und gönnen uns eine sehr kurze Pause in der Simon den Schlauch am HR wechselt, der wollte die Luft nicht halten. Naja, wat mutt… Ich esse meine beiden hartgekochten Eier, fülle meine Flaschen auf und dann geht es auch schon weiter. Brevet eben.

Noch an der Elbe auf dem Hinweg nach Uelzen war es nicht weit nach Bleckede. Dort müssen wir nun hin. Also wieder nach Norden. Gefühlt zum 8x über den Elbe-Seiten-Kanal. Und weil der Wind so schön aus Nordwesten weht, gibt´s weiterhin Gegenwind. Wie auf dem Hinweg auch schon…merkwürdig.

Zweite Kontrolle – Neu Darchau

Auf dem Weg nach Neu Darchau rollen auf uns vier Rostocker Jungs auf. Wir plaudern, das Tempo passt und wir wechseln uns vorne ab. So strengt der Wind nicht alle an und wir passen gut zusammen. Es läuft. Ich gucke kaum auf meinen Garmin. Meist ist ohnehin nur die Karte an, wieviele Kilometer wir schon haben, weiß ich nicht. Das Brevet-Heft wird es schon verraten. Neu Darchau sind 213. Das ist schon mehr als die Hälfte! Geil. Bis hier hin war es zäh. Bis zur Fähre in Bleckede sind es nur knapp 16 Kilometer und in Bleckede wollen wir was Richtiges essen. Natürlich zieht 2 Kilometer vor Bleckede ein Schauer auf, ein richtiger, und wir stehen dann angenäßt beim Griechen…

Immerhin können wir uns dort aufwärmen, pausieren, den Garmin laden und kurz entspannen.

Keine Tankstelle ohne Randonneure
Das Leben auf der Tankstelle beim Brevet

Brevet-Allianzen der Straße

Wir sind weiterhin zu sechst unterwegs. Und das Tempo passt, wir wechseln uns weiter vorne ab und kommen ganz gut voran. Der Wind kommt weiter von vorne. Von Bleckede aus geht es nach Zarrentin am Schalsee und weiter nach Ratzeburg. Dort ist die nächste Kontrolle. Eine gut bekannte Aral hat einen sehr bequemen Kantstein und ich sitze ein paar Minuten dort. Drinnen (in der warmen Tankstelle) gibt es keine Sitzmöglichkeit. Den angebotenen Platz auf einer Bierkiste lehne ich dankend ab. Dann lieber Kantstein. Weiter geht es um den großen Ratzeburger See herum. Dort finde ich es sehr schön!

400km mit wechselndem Wetter
Sonnenschein folgt auf Hagel beim 400km Brevet

Und es ist fies hügelig.

Immer wieder ein paar Meter rauf, ein paar Meter runter. Auf einer „normalen“ Runde hätte ich mich über ein wenig Abwechslung gefreut, nach 300km kosten diese Hügel ganz schön Körner und ich komme nicht so zügig rauf. Eher gar nicht. Aber zum Glück geht es auch immer wieder runter. Und die Wolken sind schön! Schäfchenwolken überall. Und ein toller Sonnenuntergang mit diesen schönen Hügeln. Landschaftlich ein Traum. Bei 3 Grad. Mit Wind. Immerhin ohne (langen) Regen.

Knips

Die folgende Kontrolle bei Km 319 ist zum selbst knipsen mit der Kontrollzange an einem Scheunentor. Und dann geht´s auch schon wieder weiter. Wir gönnen uns keine langen Pausen, denn dafür ist es zu frisch und wir wollen ja auch mal ankommen ;-).

Schnell geht es zur nächsten Kontrolle in Mölln bei Km 335. Dort in der Aral lässt es sich dann doch gut sitzen. Und es ist warm. Wir rüsten uns für die Nacht, denn die Dämmerung neigt sich dem Ende. Noch gut 75 Kilometer, dann haben wir es geschafft. Zweistellig!

400km mit schönster Landschaft, Wolken und Dämmerung
Landschaftlich ein Traum der 400km Brevet

Nachts ist kälter als draußen

Wir rollen in die Nacht. Und die ist dunkel. Um uns herum gibt es manchmal kein Licht. Keine Laterne, kein Auto, keine Lichtverschmutzung. Nur die hellen Kegel der Lichtschwerter (Fahrradbeleuchtung wurde durch LED ja quasi in die Zukunft gebeamt) leuchten die schmalen Wirtschaftswege aus. Neben uns raschelt es immer wieder im Gebüsch und in der Ferne ruft ein Käuzchen. Wenn ich nicht seit morgens um 4 Uhr auf dem Rad sitzen würde, würde ich das genießen. Und ein bisschen Angst im Dunkeln haben.

So frage ich mich wie dunkel es ist, wenn wir unser Licht kurz ausmachen. Vermutlich sehr. Haben wir (leider) nicht ausprobiert. Die Ortschaften kommen mir bekannt vor. Wir radeln durch Talkau, Basthorst und Kuddewörde und ich muss mal kurz Pause machen. Wir sind auf dem Weg zu letzten Kontrolle in Escheburg, aber ich muss jetzt mal vom Rad. Nur kurz. Einmal relaxen.

Oh du schöner Gehweg!

Nach 360km ist ein Stück Gehweg unter einer Laterne unglaublich bequem. Ich starre in den Nachthimmel und lutsche eins von diesen riesigen BAAM Gels weg. Die sind der Booster! Geschmacklich und konsistenzmäßig ? zweckmäßig würde ich sagen (hatte die ohne Geschacksrichtung). Aber der Gourmetteil der Rundfahrt mit Gyros, Reis, gekochten Eier, Cranberries, Cashewnüssen und salzigen Mandeln ist auch vorbei. Nun kommt der Teil, der zielorientiert ist. Rein mit dem Gel und weiter geht´s!

Sachsenwald – Friedrichsruh – Kuddewörde, es ist nicht mehr weit nach Escheburg und geht immer wieder bergab auf das Elblevel runter!

Kleine Pause auf dem Bürgersteig
Der Bürgersteig ist nach 360km wahnsinnig bequem

Hühnersuppe!

Gerade als ich dachte der Gourmet-Teil wäre vorbei gibt´s bei Familie Boie eine heiße Hühnersuppe und heißen Tee und einen Heizpilz (hab ich versehentlich mit s am Ende geschrieben ;-)) im Pavillion! Eine gute Stärkung für die letzen Brevet-Kilometer am Deich entlang. Es zieht unsere Sechsergruppe ins Ziel. Einige persönliche Rekorde fallen an der Dove Elbe (nach 380 km…WTF?!) bis ich anmelde, dass wir zu schnell sind und doch etwas entspannter machen können.

Nachmal Kaltehofe, nachmal Elbbrücke und nochmal durch die Hafencity und dann endlich trete ich ganz langsam die letzen Meter zum Stintfang hoch. Ich hab genug. Die längste Radfahrt meines Lebens geht nach 423km zuende.

Sorry Simon, ich kann nicht mehr nach Hause radeln. Ich fahre U-Bahn.

Alle Kontrollstempel müssen in das Heft
Das Brevetheft sammelt alle Kontrollstempel

Party hard!

Nachts um 2:15 U-Bahn Station St. Pauli in der Nach von Samstag auf Sonntag. Ich stehe dort wie eine Außerirdische. Besoffenes Partyfolk drängt sich um mich, die Neonröhren sind zu hell und ich möchte zurück in die Dunkelheit bei Mühlenrade, zum Käuzchen auf den raschelnden Wirtschaftsweg. Zum Glück spricht mich niemand an, ich hätte keinen graden Satz rausbekommen.

3:00 geduscht im Bett. Hier bin ich vor 24h los auf diese lange Radfahrt. Ein wahres Abenteuer mit durchscnittlich 6 Grad, minimal MINUS 2 und maximal 23 (muss drinnen gewesen sein…) mit viel Wind und einer echten Prüfung. Ich war die zweite Frau im Ziel(von drei gestarteten?)  und bin Stolz diesen Brevet fertig gefahren zu haben. Aber hätte es bei Km 380 einen „Abmelden“ Knopf gegeben für PBP, ich hätte vermutlich draufgedrückt… Zum Glück war der nicht da, sondern eine Allianz großartiger Radfahrer.

Vielen Dank an euch!

2 Tage danach bin ich zufrieden mit meinen Bike-Setup, alles passt, ich bin noch recht gut in Schuss. Treppen sind noch etwas langsam und für den Nacken muss ich auch noch was tun, aber davon abgesehen, bin ich gut durchgekommen!

Nächste Baustelle ist eine dauerhafte Beleuchtung für Ruby, sodass sie genügend Saft für Garmin, Handy und Beleuchtung hat. Meine kleine Powerbank hat den Garmin 820 einmal komplett wieder aufgeladen und im Ziel war noch reichlich Akku da, aber für eine zweite Nacht oder Tag hätte es nicht gereicht. Und unterwegs nach den Steckdosen suchen, mag ich nicht.

Ich lausche lieber dem Käuzchen bei einer Pause.

Der nächste Brevet kommt. Es bleibt spannend!

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